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Was in der Chormusik alles möglich ist - Händel am Puls der Zeit

von Wiener Konzerthaus

«Wie kam es, dass der zuerst so stiefmütterlich behandelte Chor plötzlich ins Zentrum von Händels Schaffen rückte?» fragt Peter Reichelt im Almanach der «Resonanzen» 2016

Georg Friedrich Händel schrieb für «Israel in Egypt»» eine Fülle von Chorsätzen aller Art. Da gibt es Fugen, Doppelfugen, Motetten, choralartig homophone Sätze und antiphonale Doppelchörigkeit
nach venezianischer Manier. Auf dem Papier wirkt das Werk fast wie ein Kompendium der Chorkomposition. «Israel in Egypt» (‹Israel in Ägypten›) steht damit einzig da im Schaffen Georg Friedrich Händels, ja in der gesamten Oratorienliteratur. In der Tat findet sich kaum ein zweites Werk dieser Gattung, bei dem der Chor ein derartiges Übergewicht gegenüber den Solopartien erlangt. Diese Konzentration auf den Chor ist umso verwunderlicher, als Händel in den ersten 50 Jahren seines Lebens abseits dezidiert sakraler Bindungen kaum als Chorkomponist hervorgetreten war. Händels Denken und Schaffen kreiste jahrzehntelang um die Oper, will sagen: um die italienische Opera seria mit ausgedehnten Da-capo-Arien und einer mehr oder minder schematischen Handlung, die unweigerlich in einen Lobpreis für die Güte und Milde der jeweiligen Hauptfigur mündete. Der Komponist hatte diese Gattung bei seiner Italienreise studiert und dann in London eingeführt, wo er seit 1712 lebte. Fast 25 Jahre lang konnte Händel mit seinen italienischen Opern in England Triumphe feiern, und es sah zunächst ganz danach aus, als sollte dies bis an sein Lebsensende so weitergehen. Natürlich fanden sich in diesen italienischen Opern auch Chorsätze, doch waren dies kurze, überaus schlichte und noch dazu meist von den vereinten Solistinnen und Solisten vorgetragene Einleitungs- und Schlusschöre; nichts also, was auf die elaborierten, höchst differenzierten Chornummern der späteren Oratorien verweisen würde. Wie kam es, dass der zuerst so stiefmütterlich behandelte Chor plötzlich ins Zentrum von Händels Schaffen rückte?

Es lohnt sich, einen Blick auf das politische Umfeld zu werfen, in dem Händels Werke entstanden. In England herrschten zu Händels Zeiten die Könige George I. (1660-1727) und George II.(1683-1760) aus dem Haus Hannover. Die Politik aber wurde bestimmt von Sir Robert Walpole (1676-1745), einem bedeutenden Staatsmann von der Partei der Whigs, der als erster britischer Premierminister gilt, wenngleich die Verfassung dieses Amt damals noch gar nicht kannte. Walpoles Bestreben galt der Konsolidierung der Staatsfinanzen und der Sicherung des Friedens. Durch Handel und Wandel, durch Seefahrt und Entdeckungen sollte England groß werden, nicht durch Kriege und Eroberungen. Erfolgreich hielt Walpole den König George II. davon ab, sich in das Abenteuer des Polnischen Thronfolgekriegs (1733-1738) zu stürzen und für einen höchst ungewissen Ausgang die Zukunft des Landes aufs Spiel zu setzen. Jahrzehntelang hatte Walpole mit seiner Friedenspolitik Erfolg, und zur gleichen Zeit konnte auch Händel mit seinen Opern reüssieren. Solange im Land innere wie äußere Ruhe herrschten, ließ man sich gerne in die Kunstwelt der Opera seria mit ihren Helden aus ferner Vergangenheit oder klassischer Mythologie entführen, deren Probleme mit der Gegenwart nichts zu tun hatten.

In der zweiten Hälfte der 1730er-Jahre aber wendete sich das Blatt. Die handelspolitischen Konflikte mit Spanien verschärften sich, und das öffentliche Stimmungsbarometer stand auf Krieg. Walpole verlor an Einfluss, und zur gleichen Zeit ließ auch das Interesse an der Opera seria deutlich nach. Die wirklichkeitsfernen Konflikte der Opernhelden boten keine Identifikationsmöglichkeiten in einer Zeit, als sich England auf seine Stärke besann und zum Krieg gegen Spanien rüstete. Gefragt waren Stoffe, die der kriegsbereiten öffentlichen Meinung entgegenkamen. Händel und seine Librettisten fanden sie in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments.

Händel lebt!

Für unser heutiges Verständnis der Bibel erscheint es zumindest merkwürdig, darin ausgerechnet nach Worten zu suchen, die zum Krieg ermuntern. Doch lässt es sich nicht leugnen, dass im Alten Testament sehr viel gestritten und gekämpft, gemordet und gerächt wird. «The Lord is a man of war, Lord is his name» heißt es im 2. Buch Mose (Ex 15,3) und auch in «Israel in Egypt». In der Church of England spielte das Alte Testament seit jeher eine große Rolle und war dem bibelfesten Publikum von klein auf vertraut. Wenn also ein geschickter Librettist die entsprechenden Stellen auswählte und zu einem Werk verdichtete, traf er den Nerv der Zeit und konnte sich des Zuspruchs der Öffentlichkeit sicher sein.
Und hier liegt auch ein Grund für die plötzliche Bedeutungszunahme der Chöre. Hier fand die Zuhörerschaft Identifikationsmöglichkeiten, die in den hochartifiziellen Arien der Opera seria kaum einmal gelegen waren. Im Chor aber stimmte das Publikum im Geiste selbst mit ein, wurde von Handlung und kollektiviertem Ausdruck im doppelten Sinn mitgerissen, konnte mitleiden, mitstreiten und endlich auch mittriumphieren.

(Auszug aus einem Text von Peter Reichelt, erschienen im Almanach der «Resonanzen» 2016)

Eröffnung der «Resonanzen» 2016 am 16. Jänner 2016 mit dem Concerto Copenhagen und dem Nederlands Kamerkoor unter Lars Ulrik Mortensen
Georg Friedrich Händel: Israel in Egypt. Oratorium in drei Teilen HWV 54 für Soli, Chor und Orchester (1737-1739)

11.01.2016 um 12:39 | Publiziert in: Allgemein, Alte Musik | 0 Kommentar(e)

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