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Sonntag SO 6 September 2020
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Concerto Copenhagen (Ausschnitt), © Franceso Galli

«Apokalypsen»: Wiens Festival der Alten Musik liest in seiner 24. Ausgabe Zeichen der Endzeit

von Wiener Konzerthaus

Zieht man alle vorhergesagten und dann doch – Gott lob! – sang- und klanglos vorübergegangenen Weltuntergänge in Betracht, muss einem die «Apokalypse» wie das Warten auf den St. Nimmerleinstag vorkommen. Natürlich könnte man seit dem Evangelisten Matthäus beispielsweise (also seit etwa 1900 Jahren) wissen, dass man den genauen Zeitpunkt nicht ermitteln kann (Mt 24, 36), aber das glauben eben auch nicht alle; die wenigsten sogar, um genau zu sein und weltweit betrachtet. Nicht einmal Autoritäten der christlichen Theologie wie Joachim von Fiore († 1202) wollten sich damit zufrieden geben, sondern rechneten gar eifrig, um, wenn schon nicht Tag und Stunde, so doch wenigstens das Jahr genauer zu bestimmen. Natürlich weiß man mittlerweile im Prinzip, dass unsere Erde in ca. 5 Milliarden Jahren nicht mehr bestehen wird, da auch unsere Sonne ein Ablaufdatum hat. Aber nicht nur ist dieser Zeitraum so unermesslich groß, dass wir uns davon keinen wie immer gearteten Begriff machen können – es hat auch das, was dann geschehen wird, mit der «Apokalypse» des Johannes (beispielsweise) nichts gemein. Was dann nämlich ins Haus steht, ist die totale Auslöschung und kein «Neues Jerusalem».

Heute ist sowieso alles der Spekulation noch der obskursten Sektierer anheimgegeben, sodass schon Unzählige (allein rund 1000 Anhänger der «Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes» verbrannten sich im März 2000 in Uganda) überwiegend freiwillig und höchst verfrüht den Geist aufgaben im Glauben an ein unmitt elbar bevorstehendes Weltende.
Dass der Glaube nicht mehr wiegen sollte, als er hat, ist eine Einsicht, die sich leider nur sehr schleppend durchsetzt. Überall treff en Menschen – ganz gleich, ob einzeln oder im Kollektiv, ob in spiritueller Armut oder spirituellem Überfluss lebend und aufgerieben zwischen selbstvergessener Hoffnung und enttäuschtem Engagement – für viele fatale Entscheidungen, weil sie etwas anderes glauben. Die stets unheilvolle politische Dimension des Glaubens weltweit zu überwinden, ist bis heute nicht gelungen.

Die «Resonanzen» 2016 geleiten Sie (wie eigentlich schon immer, nun aber «mit Fingerzeig») in Zeiten, als der Glaube auch «bei uns» tonangebend war, «Berge versetzte» und Regimes antrieb, politischen Erfolg und Misserfolg, Mord und Totschlag im Namen eines «Höheren Seins» und «Wesens» auf ihre hinfällige Rechnung zu buchen. Dramatische Musikalisierungen des von blutrünstigen Gräuel nur so strotzenden Alten Testaments bilden die Rahmenteile unserer «nouvelle noir» von den menschlichen Umwegen um sich selbst. Dazwischen ereignen sich Att entate, «Heilige Kriege», Revolutionen und mystische «Séancen». Katastrophen und ihre unterschiedlichen Deutungen prägen das Bild der aktuellen Ausgabe der «Resonanzen», die mit dem Huelgas Ensemble, Concerto Copenhagen und Collegium 1704, den Ensembles Phantasm und Micrologus wieder das Beste vom Besten versammelt, was die Alte-Musik-Szene derzeit zu bieten hat.

«Apokalypsen» --- welche Heimsuchungen, irrationalen Ängste und religiösen Wahnvorstellungen gehen damit in den Köpfen nicht einher, und wieviel Schreckliches verraten sie uns doch über eine finstere Seite des Menschen! «Erkenne dich selbst» – diese uralte «heidnische» Weisheit möge diesmal den Subtitel unseres Festivals abgeben …

Ein Text von Peter Reichelt, erschienen in der Jänner/Februar 2016 Ausgabe der Konzerthausnachrichten

24.11.2015 um 10:11 | Publiziert in: Allgemein, Alte Musik | 0 Kommentar(e)

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