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Sonntag SO 6 September 2020
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Schreiben über Neue Musik

von Wiener Konzerthaus

Mit dem Schreiben über Neue Musik befasst sich eine Lehrveranstaltung auf dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien in diesem Wintersemester. Unter der Anleitung von Nikolaus Urbanek (Professor für Musikwissenschaft am Institut für Analyse, Theorie und Geschichte der Musik an der mdw) und Dominik Schweiger (Dramaturg des Wiener Konzerthauses) beschäftigen sich die Studierenden mit theoretischen Erörterungen und praktischen Übungen zu einigen Textsorten, mit denen man als Musikwissenschaftler/in im Berufsleben konfrontiert werden könnte: Konzertkritik, Werkeinführung, Programmheft-Texte etc. Gemeinsame Konzertbesuche gehören ebenso zu der Lehrveranstaltung wie eine eigene Schreibwerkstatt. Einige der dabei entstehenden Texte zu Konzerten im Wiener Konzerthaus dürfen wir hier veröffentlichen. Die ersten Kritiken entstanden nach dem Besuch von Peter Androsch' Zyklus «Himmel. Ein Abend zu W. H. Auden», der am 19. Oktober im Berio-Saal zu erleben war. Hier die drei ganz unterschiedlichen Ausführungen von Philipp Schubert, Louisa Aristotelous und Jakob Schermann.


Kafkaeske Himmelfahrt

Konzertkritik von Philipp Schubert

 

Pfeifen. Kratzen. Röcheln. Schaben. Grunzen. Wimmern. Rascheln. Hämmern…Urlaute. Sie durchstoßen einen stillen, endlosen Raum. Bilden eine Atmosphäre, einen Gegenstand, der sich anfangs noch im Zustand des Zerbrechlichen befindet. Allmählich werden Geräusche zu Tönen, Klänge zu Rhythmus und Fetzen zu Wörtern, Fragmente zu einem Zusammenhang, bevor sie sich wiederum in ihre Bestandteile auflösen.

 

Der achtzehnteilige Zyklus «Himmel. Ein Abend zu W. H. Auden» von Peter Androsch, der am 19. Oktober im Berio-Saal des Wiener Konzerthauses zu erleben war, stützt sich maßgeblich auf die Werke zweier Künstler. Die Texte des radikalen Schriftstellers Wystan Hugh Auden, vorgetragen von Didi Bruckmayr, werden bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, geflüstert, hysterisch gestammelt oder syllabisch mit Stockschlägen begleitet. Entstanden sind sie größtenteils in den 1930er Jahren. Hier spiegeln sich Vergänglichkeit, Zeit, das Altern, die Angst vor dem Tod. Dem zur Seite steht das «Quartett auf das Ende der Zeit» von Olivier Messiaen, komponiert in deutscher Kriegsgefangenschaft und inhaltlich verwandt mit den Gedichten Audens. Motive des Quartetts wurden von Androsch «recomposed», ohne dass deren Gehalt verloren gegangen wäre. Musikalisch wirken sie wie das Original aus einer anderen Welt, melancholisch, friedlich, engelsgleich. Stellt Androsch hier die Himmelswelt Messiaens der Hölle von Auden gegenüber? Denn Gegensätzlichkeit ist wesentliches Mittel der Komposition. Freier Improvisation auf teils präparierten Instrumenten stehen sonatenhafte Violinpassagen in schlichtem, messiaenschem Melos gegenüber. Die Stimme erklingt niemals zusammen mit dem Piano (Mariko Onishi) oder der Violine (Thomas Schaupp), sie steht nicht innerhalb eines melodischen Kontexts. Sie ist gefangen in ihrer eigenen Welt der Geräuschhaftigkeit. Doch selbst hier findet man Glockenklänge, erzeugt durch Töne des Kontrabass (Bernd Preinfalk), mit einem Schlägel angespielte Gitarrensaiten (Peter Androsch) oder perkussives Repetieren auf den tiefsten Tönen des Flügels. Es sind jedoch eher Todesglocken, die hier läuten.

Trotz des strukturellen und dynamischen Spektrums, trotz der unangenehmen Berührung, welche der Vokalist audiovisuell hervorruft, wird die anfängliche Stille nicht zerstört. Sie existiert gleichermaßen in beiden Polen, durch das gesamte Werk, ohne aus der Ruhe gebracht zu werden. Darin liegt die Kraft dieser Komposition. Hier liefert Androsch seine Version des Himmels, indem er zusammenfasst, abwägt, aus der Differenz schöpft. Dennoch, die Wirkung ist kafkaesk. Dieser Himmel ist nicht ruhig und friedlich, sondern bedrückend und abstoßend. 

 

«Himmel» by Peter Androsch

 Concert Review by Louisa Aristotelous

 

If one was looking for what we call «two sides of the same coin» in terms of music, then Peter Androsch' composition «Himmel» would have been the answer. The beautiful relationship between text and music that he created, can be observed in the way he has managed to link the contradictory sides of the outstanding, dark Poet y of W. H. Auden and the bright, beautiful melody from Messiaen’s «Quartet for the End of Time».

In the performance in the Berio-Saal of the Vienna Konzerthaus on Monday, the 19th of October the music was taking at times a role of underlining and emphasising the text but at some other points it was the music that had a more dominant role creating the necessary atmosphere to complete the work as a whole. An element of contrast was also existent between the free form of improvisation and a well held structure found in the dialogues between the instruments. What has made a strong impression to the listeners was the original and innovative use of the instruments. We could hear a metallic sound coming from a guitar that was struck by a wire whisk or plucked with small pieces of wood or even see the pianist plucking the strings of the piano.

Not only what we have heard from the instruments, but also what we have heard from the voice was extraordinary. The actor managed to bring to the surface the deepest emotions of the human «psycho-synthesis»: agony, fear and despair.

Reaching a final apotheosis, in a final call for hope the actor reaches his hands to the sky, echoing an unanswered «hello? » embodying Heaven and Hell as experienced by one individual. What we keep as a total is the outstanding performance of a demanding composition. With this work Peter Androsch manages to walk through a path in which the listeners come across chaos and harmony, darkness and light leaving them to decide for what the meaning of «Himmel» (Heaven) is. 

 

Heterogener Kammerzyklus: Peter Androsch’ apokalyptischer «Himmel»

Konzertkritik von Jakob Schermann

Gitarrenperkussion, eine schwankend und zittrig gestrichene Violine, Simulation von elektrischem Feedback auf dem Kontrabass, ein gezupftes Piano und die menschliche Stimme zwischen Gesang und Geräusch: Heterogenität und Mannigfaltigkeit der Instrumentalbehandlung bildeten den Fluchtpunkt des am 19. Oktober im Berio-Saal aufgeführten, achtzehn kurze Einzelstücke umfassenden und dem Dichter W. H. Auden gewidmeten Kammerzyklus «Himmel» von Peter Androsch.

Instrumentale Solostücke leiten über zu dynamischen, Spielraum für Improvisation bewahrenden Ensemblepassagen. In Letzteren erheben sich über kontinuierliche, liegende Klangflächen oft einschneidende und stark kontrastierende Einzelereignisse. Am wirksamsten verschränken sich die klanglichen Elemente im dritten Stück mit dem Titel «Charisma», einer Vertonung von Audens «Funeral Blues», dessen düstere und musikalisch eindringliche Darstellung die dystopisch-apokalyptischen Motive des Trauergedichts zusätzlich betont und in klingende Strukturen umsetzt.

Die Versöhnung der einander mal antagonistisch, mal gleichgültig gegenüberstehenden Einzelstücke dringt nur selten zur Wahrnehmung durch. In der Violine, deren melodischer Verlauf meist von traditionell tonalem Material bestimmt ist, kann man den Reflex einer zusammenhangbildenden Erzählerstimme vernehmen. Im ersten Stück eingeführte Klänge, etwa der Gitarre, kehren auch im letzten wieder – Anfang und Ende werden thematisch abgesteckt. Und schließlich verwirklicht sich der Aufstieg zum Himmel räumlich in der Performance von Sänger Didi Bruckmayr, der gegen Ende des Konzertabends seinen Sessel erklimmt.

 

Die nächsten Konzertkritiken werden die Studierenden zu dem Eröffnungskonzert von Wien Modern am 5. November verfassen, und hier im Magazin werden wieder einige nachzulesen sein.

23.10.2015 um 09:16 | Publiziert in: Allgemein, Modern, Junge Blogger | 0 Kommentar(e)

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