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Sonntag SO 6 September 2020
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Eröffnung Wien Modern, © Markus Sepperer

Wien Modern Eröffnung aus der Sicht der jungen Kritikerinnen

von Wiener Konzerthaus

Aus der Reihe unsere jungen Kritiker, die sich mit Neuer Musik beschäftigen, hier zwei Beiträge zu der Eröffnung von Wien Modern, welche am Donnerstag, den 5. November im Großen Saal über die Bühne ging. Cornelius Meister dirigierte das RSO Wien, Solistin war Marisol Montalvo. Raffaela Gmeiner und Pia Teufl haben ihre Eindrücke für uns in Worte gefasst.

Auftakt für Wien Modern: Pierre Boulez und die Popkultur

von Raffaela Gmeiner

Das Wiener Festival für Neue Musik wurde nun zum 28. Mal eröffnet und orientiert sich dieses Jahr an dem Themenschwerpunkt «Pop Song Voice». Der Antagonismus ist unüberhörbar: Elitismus trifft auf Kommerzialismus, Pop auf Avantgarde, elektronische Sounds auf Sinfonieorchester und Hoch- auf Subkultur. Dass aber gerade diese dialektische Unvereinbarkeit den künstlerischen Handlungsspielraum zeitgenössischer KomponistInnen und KünstlerInnen extendiere sowie Herausforderungen, Spannungsverhältnisse und Symbiosen ermögliche, asserierte Komponistin, DJ und Musikerin Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo, die mit ihrer programmatischen Rede im Wiener Konzerthaus «Wien (Post) Modern» einleitete. Neue Musik und autonome Kunst verlange nach Interferenz anstelle von Abgrenzung, Originalität anstatt Virtuosität sowie Diskontinuität und Stilpluralismus.
Angesichts des gewagten Themenschwerpunkts könnte man durchaus bekritteln, dass Pierre Boulez‘ «Pli selon Pli» – ein Meisterwerk inspiriert von den Texten des französischen Lyrikers Stephane Mallarmé – wohl kaum richtungsweisend für Wien Modern 2015 ist. Doch die fulminante Darbietung der Sopranistin Marisol Montalvo beglich die scheinbar arbiträre Auswahl des Eröffnungskonzerts und sorgte für Zuspruch seitens des am Anfang doch eher irritierten Publikums. Die glühende Interaktion zwischen Montalvo und dem Dirigenten Cornelius Meister, die facettenreichen Klangfarben und die Performanz der RSO InstrumentalistInnen erwiesen sich angesichts Pierre Boulez 90. Geburtstag, den der Komponist im Mai feierte, als gebührende Hommage.

Wien Modern 2015: Art is Now!

Von Pia Teufl

Ein Festival für Neue Musik, das sich diesjährig mit «Pop Song Voice» untertitelt, kündetvon Offenheit. Die (durchaus notwendige) Bereitschaft, «musikalisch-ästhetische Wohlfühlzonen» zu verlassen, wurde auch bei der gestrigen Eröffnung von Wien Modern im Großen Saal des Wiener Konzerthauses großgeschrieben. Weg von gedanklicher Borniertheit und künstlichem Elitismus, so das Plädoyer der Eröffnungsrednerin Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo. Bei ihrer Suche nach den Interferenzen zwischen Popkultur und hoher Kunst wühlte sich die DJane und Technoproduzentin durch ideologisch abgrenzende Klischees, um diese schließlich gründlich zu zerlegen.

Mit «hoher Kunst» im besten Sinne zu eröffnen, ließen sich Matthias Lošek, scheidender künstlerischer Leiter des Festivals, und das RSO unter Cornelius Meister dann aber doch nicht nehmen. «Pli selon Pli» – «Falte für Falte» zeichnete Pierre Boulez in mehr als drei Jahrzehnten Arbeit ein musikalisches Portrait jenes Dichters, der ihn Zeit seines Lebens faszinierte. Die Gedichte Stéphane Mallarmés, von Boulez in fünf Sätzen musikalisch umstrickt, entziehen sich auf eigenwillige Art. Sie versprechen Worte, deren Bedeutung sich aus dem gebildeten Kontext nicht primär erschließen lässt und geben die Befüllung der in ihnen skizzierten Räume damit aus der Hand.
Boulez eröffnet sein musikalisches Pendant mit einem harten Orchesterschlag. Der Verzicht auf fassbare Melodien wie harmonische Verdichtungen ergibt einen Klang, der leichtfüßig über dem Boden musikalischer Gesetzmäßigkeiten zu schweben scheint. Sein farbenreiches Spektrum generiert sich auch aus Boulez’ unkonventionellem Umgang mit dem Orchesterapparat. Er entlässt die Streicher auf die Ersatzbank, wendet sich erfindungsreich dem Potenzial oft vernachlässigter Instrumenten- gruppen zu.Geräusche, Schläge, abgerissene Melodiefragmente flattern nervös durch das Orchester, verlieren in müheloser Überlegenheit den Faden, wäre da nicht der lyrische Sopran Marisol Montalvos, der wie ein Webschiffchen zwischen den Klangblöcken hin- und hergleitet und sie mit expressiver Intensität aneinander bindet. Und so entfaltet sich in den scheinbar zusammenhaltlosen Schattierungen in Wort und Musik eine absorbierende Kontinuität, die den Hörer bis zum finalen Schlag nicht freigibt. Möglich gewesen wäre dieses faszinierende Klangerlebnis nicht ohne Cornelius Meister, unter dessen unaufgeregt präzisem Dirigat das RSO zu höchster interpretatorischer Klarheit gelangt. Hohe Kunst, deren Wirkung unmittelbar erfahrbar wurde. Und damit ein Abend, der hält, was Wien Modern 2015 verspricht.

09.11.2015 um 12:38 | Publiziert in: Allgemein, Modern, Junge Blogger | 0 Kommentar(e)

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