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Samstag SA 27 Oktober 2018
Konzerthaus – Porträtkünstler 2018/19 – Olga Neuwirth
Olga Neuwirth

Olga Neuwirth © www.lukasbeck.com

Olga Neuwirth

Sensibilität und kritisches Denken zeichnen ihr Schaffen ebenso aus wie der Sinn für feinste Klangnuancen und nicht zuletzt die Lust am Überwinden von allerlei Grenzen: Olga Neuwirth gilt aus gutem Grund als eine der profiliertesten Persönlichkeiten unter den Komponistinnen und Komponisten unserer Zeit. Aus Anlass ihres 50. Geburtstags präsentiert das Wiener Konzerthaus ein Porträt seines Ehrenmitglieds.

»I would prefer not to – Ich möchte lieber nicht«: So spricht eines Tages die bis dahin so fleißige Titelfigur in Herman Melvilles Erzählung »Bartleby der Schreiber«. Bartlebys sanft, aber bestimmt geäußerter Widerwille beginnt im Büro und weitet sich immer mehr aus, wird von der Arbeitsschließlich zu einer Art Lebensverweigerung. Olga Neuwirth ist von der Person und dem Schaffen des »Moby Dick«-Schöpfers Melville fasziniert und hat sich in zahlreichen Stücken von ihm inspirieren lassen. Natürlich ist ihrer vielfältigen künstlerischen Tätigkeit, die über das reine Komponieren immer wieder hinausgeht, auch ein widerständiger Zug eingeschrieben: Das äußert sich nicht zuletzt im Politischen und lässt sich getrost als Echo auf Bartleby hören. Olga Neuwirth möchte eben lieber nicht: Musik schaffen, die nur entspannen und rührselig verschönern soll; von den Repräsentanten irgendwelcher Macht sich Sujets vorschreiben oder den Mund verbieten lassen und vieles mehr. Doch speist sich ihr Tun nicht aus bloßer Verweigerung – denn ihre Kunst ist keine des Vergessens, sondern eine des Erinnerns. Das zeigt Neuwirths vielfältiges Interesse an der Historie und auch an der eigenen musikalischen Vergangenheit. Immer wieder offenbart sie bei der Wahl ihrer Themen besondere Sympathie für Außenseiterfiguren, die selbst dann, wenn sie zu Stars geworden sein mögen, ihre Verletzlichkeit behalten und vielleicht sogar an dieser zugrunde gehen.

Dieses Leitmotiv zieht sich durch das Programm der prominent besetzten vier Abende im Wiener Konzerthaus, die zusammen ein Porträt ergeben. In »The Outcast. Hommage to Herman Melville«, laut eigenem Werkverzeichnis »a musicstallation- theater with video«, treffen die zentralen Figuren aus »Moby Dick«, angeführt von einer weiblich gewordenen Erzählerin Ishmaela, auf Old Melville und Bartleby. Die schaurig-schönen Gruselklänge der Suite aus ihrem ersten Musiktheater »Bählamms Fest« rufen den Wolfsmenschen Jeremy und seinen Blutrausch ins Gedächtnis zurück. Und mit der »Hommage à Klaus Nomi«, dargeboten vom Klangforum Wien, erweist Neuwirth einem musikalischen Helden ihrer Jugend eine ebenso feinfühlige wie bewegende Referenz. Ihre Arbeit für den Film repräsentiert der neue Soundtrack zu H. K. Breslauers 1924 gedrehtem Stummfilm »Die Stadt ohne Juden«, den das Ensemble PHACE zur Uraufführung bringt: Als Aufruf zur Toleranz entstanden, wirkt die gezeigte Vertreibung der Juden heute wie eine Vorahnung der Shoah – zumal der Autor der Romanvorlage, Hugo Bettauer, noch im Uraufführungsjahr des Streifens von einem Anhänger des Nationalsozialismus erschossen wurde. Durch den sensationellen Fund von fehlenden Filmszenen auf einem Flohmarkt in Paris trifft der Film nach der aufwändigen Restaurierung durch das Filmarchiv Austria eine noch politischere Aussage gegen den Antisemitismus als die bisher bekannte fragmentarische Fassung.

Ein letzter Abend im Berio-Saal – ein weiteres Mal mit dem Ensemble PHACE – zeigt Olga Neuwirth dann inmitten jüngerer Musikschaffender: entfesselte Fantasie bei »Adventures in Wonderland«.

Porträtkünstler 2018/19

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